16.06.2026

Burgbühne Oberkirch meistert Uraufführung von "Annas Herzstück"

Ein Leiterwagen voller Schnapsflaschen, eine alte Stadtmauer als Kulisse und ein Publikum, das einfach aufsteht und das Badnerlied singt: Was die Burgbühne Oberkirch am Samstagabend auf die Freilichtbühne des freche hus gebracht hat, war mehr als eine unterhaltsame Liebesgeschichte. Es war eine Zeitreise voller heimeliger Erinnerungen.

Jürgen von Bülow schrieb "Annas Herzstück" extra für Burgbühne

Eigens für die Heimattage Baden-Württemberg 2026 hat Jürgen von Bülow die Komödie „Annas Herzstück“ geschrieben – eine Uraufführung, die das Ensemble in seinem 42. Jahr als Freilichtbühne mit sichtlicher Spielfreude auf die Bretter brachte. Nahezu ausverkauft, der laue Vorsommerabend ein unverhofftes Geschenk nach tagelangem Bangen um Regen und Kälte.

Brennen, siegen, heiraten: Zöllner bringt Annas Plan in Wanken

Anna Busam – mitreißend gespielt von Anne Kowalsky – will beim ersten Oberkircher Renchtalfest das beste Kirschwasser brennen und anschließend den gut aussehenden Heinrich Walz heiraten. André Kohler verleiht dieser Rolle eine verführerische Mischung aus Charme und Anmaßung, die das Publikum zwischen Sympathie und Kopfschütteln pendeln lässt. Als Zöllner Nepomuk Brendel aus Lörrach – gespielt von Lennard Boschert mit feinem Gespür für den unerwarteten Moment – in die Geschichte tritt, gerät nicht nur Annas Plan ins Wanken. Und Heinrich? Der gibt sich als Sieger, bevor der Abend entschieden ist. Dass beim Schnapswettbewerb nicht nur Kirschwasser im Spiel ist, gehört zu den Überraschungen, die man besser selbst erlebt.

Historische Fakten charmant in die Liebesgeschichte eingewoben

Bülow webt historische Fakten so charmant in die im Jahr 1926 spielende Handlung ein, dass sie nie nach Geschichtsstunde klingen. Die Jubiläen von Stadt- und Brennrecht finden ebenso ihren Platz wie der Todestag von Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen, ohne das Tempo der Komödie zu bremsen. Stefan Hellrung gibt den „Onkel Jochen“ alias Grimmelshausen als heiteren Philosophen am Rande des Festes – und liefert die vielleicht treffendste Zusammenfassung des Abends gleich mit: „Oh wunderbares Tun! Oh, unvollständiges Stehen! Wenn einer denkt, er stehe, so muss er fürder gehen.“

Regisseur Rob Doornbos inszeniert viertes Stück der Burgbühne

Die Handschrift von Regisseur Rob Doornbos – er inszeniert zum vierten Mal für die Burgbühne – ist unverkennbar. Der Niederländer hat ein Ensemble geformt, das mit Leichtigkeit und Witz agiert. Eine Szene bleibt besonders im Gedächtnis: Als die Stühle nach der Wirtshausszene umgestellt werden, geschieht das so geschickt in die Inszenierung eingebaut, dass der Umbau selbst zur Bühnenhandlung wird. Und als das Ensemble das Badnerlied anstimmt, erhebt sich der Saal – alle singen mit. Oberkirch mit Heimatgefühlen und Erinnerungen.

Monika Riegelsberger für 40 Jahre Vereinstreue geehrt

Thomas Wiegert, Vorsitzender der Burgbühne, fasst es in der Pause mit einem Satz zusammen, der alles sagte: „Ich bin wirklich sehr, sehr zufrieden.“ Nach der Vorstellung beweist er mit einer warmherzigen Dankesrede, dass er dieses Gefühl mit allen teilt: Blumen, Wein und persönliche Worte – für wirklich jeden, der zum Gelingen des Abends beigetragen hatte. Auch Magnus Reichel hat der Inszenierung mit seiner Musik eine Atmosphäre gegeben, die das Stück pfiffig trägt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Einen bewegenden Moment des Dankes gab es noch abseits der Handlung: Monika Riegelsberger wurde als erstes Nicht-Gründungsmitglied für 40-jährige Vereinstreue geehrt – eine Geste, die zeigte, woraus dieser Verein seit Jahrzehnten seine Kraft zieht.